Aus dem Nest gefallen?
 
In den letzten Wochen nimmt die Zahl von besorgten Tierfreunden in den Tierschutzvereinen wieder zu, die beim Spaziergang oder im Garten scheinbar hilflose Jungvögel gefunden haben und der Meinung sind, diese sind aus dem Nest gefallen und benötigen dringend Hilfe. Scheinbar verwaiste Jungvögel und junge Säugetiere sind oft gar nicht so verlassen und hilflos wie viele denken. Vorschnelle Hilfsaktionen schaden den Jungtieren oft mehr als es ihnen nützt. Doch nur verletzte, deutlich geschwächte oder von ihren Eltern unversorgte, noch nicht selbständige Jungtiere brauchen wirklich Hilfe.
 
Bei weitem nicht jedes allein aufgefundene junge Wildtier ist wirklich verlassen und nicht jeder ungeschickt herumflatternde Jungvogel braucht menschliche Hilfe.
Viele Jungvögel verlassen ihr Nest bereits bevor ihr Gefieder vollständig ausgebildet ist und wagen ihre ersten Flugversuche. Oft enden die ersten Ausflüge deshalb zunächst mit eher unfreiwilligen Bruchlandungen. Deshalb müssen sich die Jungvögel zwischen den einzelnen Flugetappen auch immer wieder erholen und können nicht gleich – wie eigentlich erwartet – wegfliegen, wenn Menschen sich nähern. Trotzdem werden die Flugschüler i. d. R. dabei von den Elterntieren genau beobachtet, bewacht und auch weiterhin versorgt, auch ohne dass dies auf den ersten Blick gleich zu erkennen ist.
Herbert Lawo, Vorsitzender des Tierschutzvereins Reutlingen rät deshalb: „Wer einen jungen Vogel außerhalb eines Nestes antrifft, sollte zunächst nachsehen, ob das zugehörige Nest in der näheren Umgebung zu finden ist. Der Vogel kann dann dorthin zurückgesetzt werden; andernfalls bringt man ihn aus der Gefahrenzone von Fahrzeugen, Katzen und Fußgängern, z.B. in ein nahe gelegenes Gebüsch in Sicherheit und lässt ihn dort in Ruhe. Im Gegensatz zu Säugern stören sich Vogeleltern nicht am menschlichen Geruch, der beim Anfassen der jungen Vögel hinterlassen wird.“

Auch bei Entenküken sollte zunächst die Umgebung nach der Entenmutter abgesucht werden, sie wird sich i. d. R. auch um ihre Kinder kümmern. Ein Einfangen ist dann am ehesten erforderlich, wenn sich eine Entenfamilie weit weg von Gewässern in bebaute Gegenden verirrt hat bzw. wenn sie sich gefährdet in verkehrsreicher Umgebung befindet. Im Fall einer solchen Familienumsiedlung muss stets dafür gesorgt werden, dass auch die Entenmutter mit eingefangen wird.
 
Oft schaden wohlmeinende Helfer durch ihre Rettungsaktion allerdings mehr als dass sie helfen, denn in vielen Fällen werden Jungtiere von ihren Müttern viele Stunden alleine gelassen. Rehe und Feldhasen beispielsweise lassen ihre Jungen, wenn sie noch klein sind, in Wiesen oder Feldern gut getarnt zurück und suchen sie nur zum Säugen auf. Zufällig entdeckte kleine Feldhasen oder Rehkitze sind also noch lange keine Waisenkinder. Hat man sie trotzdem angefasst und sie tragen menschlichen Geruch, werden sie vom Muttertier oft nicht mehr angenommen. Scheinbar hilflose Jungtiere sollten also – sofern sie nicht offensichtlich verletzt sind – in jedem Fall für einige Zeit beobachtet werden und zwar so, dass sich die Tiere nicht gestört fühlen.
„Nur bei offensichtlich geschwächten, kranken, ausgehungerten, unterkühlten oder völlig durchnässten Jungtieren bzw. wenn sich tatsächlich kein Elterntier um die Kleinen kümmert, ist es angebracht, die Tiere in menschliche Obhut zu nehmen,“ stellt Lawo noch einmal klar. „Wer sich unsicher ist, kann auch gerne vorab im Tierheim anrufen und dort Rat einholen. Erkennbar verletzte Tiere müssen allerdings schnellstmöglich versorgt werden und sollten deshalb ohne Umweg zum nächsten Tierarzt gebracht werden.“
Um alle Wildtierarten möglichst wenig bei der Jungenaufzucht zu stören, ist es gerade jetzt im Frühjahr wichtig, in der Nähe von Brutgebieten die Wald- und Wiesenwege nicht zu verlassen und Hunde zur Sicherheit an die Leine zu nehmen.

Zurück