Pressemitteilung vom 21.04.2006
 
Tierquälerei empfindlich geahndet
 
Tierschutzverein Reutlingen hatte tödliche Vernachlässigung von Kaninchen zur Anzeige gebracht
 
Mit 1.200 Euro Strafe belegte das Amtsgericht Reutlingen kürzlich ein Reutlinger Ehepaar für die gravierende Vernachlässigung ihrer Kaninchen. Mitarbeiter des Reutlinger Tierheims konnten ein Kaninchen retten, ein zweites konnte lediglich noch von seinem Leiden erlöst werden.
 
Die beiden Mitarbeiter des Reutlinger Tierheims waren schockiert als sie die Kaninchenhaltung der Reutlinger Familie sahen. Aufmerksame Mitbürger hatten den Tierschutzverein darüber informiert, dass die Kaninchen dieser Familie offensichtlich nicht ausreichend versorgt werden. Unverzüglich machten sich zwei Tierschutzberater des Reutlinger Tierheims an die Arbeit. Bei ihrem Besuch fanden sie den Kaninchenkäfig in der prallen Sonne stehend, darin zwei Kaninchen, eines lag auf der Seite. Das Tier atmete zwar noch, war jedoch vollständig ausgetrocknet und nahezu verhungert. Seine Zähne waren bereits so lang gewachsen, dass die Nahrungs- und Wasseraufnahme sicher seit längerer Zeit nicht mehr möglich war. Die Wasserflasche war zudem leer, es gab weder Futter noch Heu. Das zweite Kaninchen war ebenfalls stark abgemagert. Es versuchte vergeblich an der leeren Wasserflasche zu saugen. Das erste Kaninchen war nicht mehr zu retten. Der Tierarzt konnte es nur noch einschläfern und so von seinem Leiden erlösen, das zweite konnte im Reutlinger Tierheim wieder aufgepäppelt und inzwischen in gute Hände vermittelt werden. Die Tierschützer erstatteten Anzeige beim Veterinäramt und so kam es zur Gerichtsverhandlung.
 
Eigentlich sei die Versorgung Aufgabe der – noch minderjährigen – Kinder gewesen, erläuterte das Ehepaar, die Frau wollte mit den Tieren wohl gar nichts zu tun haben, und der Ehemann erklärte, er habe sich von einem befreundeten Kaninchenzüchter beraten lassen – ohne dass der die Tiere gesehen hatte –  und man hätte ja zum Tierarzt gehen wollen. Mit ihren Erklärungs- und Rechtfertigungsversuchen kam das Ehepaar jedoch nicht durch. Die vom Reutlinger Tierheim angefertigten Bilder lagen in Großformat bei der Verhandlung vor und bezeugten aussagekräftig den erbärmlichen Zustand, in dem die Tiere vorgefunden worden waren. Ergänzt wurden diese Bilder durch die Zeugenaussage einer beteiligten Tierheimmitarbeiterin und der dortigen sachverständigen Tierärztin. Selbst der von den Beschuldigten zur Entlastung aufgebotene Kaninchenzüchter musste beim Anblick der Fotos einräumen, dass ein solcher Zustand nicht über Nacht entsteht sondern ein Tage langes Leiden der Tiere vorausgegangen sein muss. Staatsanwältin und Richter hatten dann auch keinerlei Verständnis dafür, dass das Ehepaar zwar Tiere angeschafft, sich jedoch nicht im erforderlichen Maß um sie gekümmert hat. Dieser gravierende Verstoß gegen das Tierschutzgesetz wurde folglich mit 40 Tagessätzen zu je 20 Euro für den Mann und 40 Tagessätze zu je 10 Euro für die Frau bestraft. Die Staatsanwältin hatte die doppelte Höhe gefordert, aufgrund der familiären Situation blieb der Richter im Urteil jedoch unter diesem Antrag.
 
„Es ist erfreulich, dass das Gericht diese Tierquälerei wenigstens finanziell empfindlich bestraft hat. Auch Freiheitsstrafen sind in Fällen von Tierquälerei möglich. Tiere gelten auch rechtlich schon seit über15 Jahren nicht mehr als Sachen, jedes einzelne von ihnen ist seit 2002 durch das Grundgesetz geschützt, jetzt hoffen wir, dass sich dies auch deutlich in der künftigen Rechtsprechung niederschlägt. Wie sonst wäre eine abschreckende Wirkung erreichbar?“, so das Fazit des 1. Vorsitzenden des Tierschutzvereins Reutlingen, Herbert Lawo.
 
Der Kaninchenfall war einer von über 160 Fällen, die dem Reutlinger Tierheim im letzten Jahr gemeldet wurden. Einige ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Tierheims und das Tierheimpersonal selbst bearbeiten diese Meldungen seit Jahrzehnten für den gesamten Landkreis Reutlingen. Ein paar davon sind in dieser Gruppe bereits seit 20 Jahren aktiv. „Sie haben bereits viel Tierleid sehen und erleben müssen, und manchmal ist es verwunderlich, dass sie die Hoffnung auf das Gute im Menschen noch nicht ganz verloren haben“, stellt Lawo fest. Die Fälle schlechter Tierhaltungen, Tiermisshandlungen und absurder Gedankenlosigkeit machen vor keiner Tierhaltung Halt, unabhängig auch, ob Heimtiere oder so genannte Nutztiere gehalten werden, ob als Hobby oder um damit Geld zu verdienen. Die Tierschutzberater werden gut geschult und auch auf die psychischen Belastungen vorbereitet. „Zum Glück sind nicht alle Fälle so schlimm wie bei diesen Kaninchen, manche allerdings auch schlimmer. In vielen Fällen lassen sich Tierhalter  belehren und ändern die Haltung entsprechend. Manche sind sogar über diese Hilfestellung froh“, erklärt Iris Großmann, die die Tierschützergruppe des Tierheims koordiniert. Vorsitzender Lawo ergänzt: „Leider ist es so leicht, sich Tiere anzuschaffen. Im alltäglichen Tierhandel prüft niemand die vorhandene Sachkunde und eine Informationspflicht gibt es nur moralisch. Praktisch nur im Tierheim wird ausführlich vor der Tieranschaffung beraten, aufgeklärt, die komplexe Situation der Tierhaltung abgeklärt und Hilfestellung angeboten – und im Ergebnis manchmal dann eben auch ein Tier verweigert“.
 
Wenn Tierhalter keine Einsicht zeigen, arbeiten die Tierschutzberater des Reutlinger Tierheims eng mit dem Veterinäramt und der Polizei zusammen. „Manche werden nicht klug sondern reagieren eben nur auf Zwang und Strafe. Es scheint jedoch, als würde der Umgang mit Tieren in größer werdenden Teilen der Bevölkerung zunehmend sensibler wahrgenommen. Daran arbeiten wir, denn nur dann wird sich die Situation der Tiere verbessern“, ist sich Herbert Lawo sicher.
 
Schlechte Tierhaltungen können dem Tierheim Reutlingen, Tel. 07121/14480660, gemeldet werden oder dem Veterinäramt Reutlingen.


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